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Es war die Tapeten-Modefarbe des frühen 19. Jahrhunderts: Das „Schweinfurter Grün“, vom Schweinfurter Farbenfabrikant Wilhelm Sattler ab 1814 in großem Stil produziert. Bis dahin gebräuchliche Grüntöne waren matt, stumpf, blichen schnell aus. Dagegen hatte die „ungemein schöne grüne Farbe“ (Sattler) eine strahlende, beständige Farbintensität, die mit dem Feuer von Smaragden verglichen wurde. Alles mögliche wurde mit diesem Smaragdgrün eingefärbt: Teppiche und Vorhänge, Kleider, künstliche Blumen, Kerzen, ja sogar Kinderspielzeug und Süßigkeiten – und eben Tapeten.
Schweinfurter Grün ist eine Verbindung von Kupfer, Arsen und Essigsäure: Kupferarsenitacetat. Und eben jener Anteil des Giftes Arsen sorgte für den ersten Umweltskandal um ein Wohngift: Es häuften sich Meldungen über Appetitlosigkeit, Benommenheit, Kopfschmerzen, Reizung der Schleimhäute in grün gestrichenen oder tapezierten Wohnungen. Die Beschwerden ließen sofort nach, wenn Tapete oder Anstrich entfernt worden waren.
Zwar veröffentlichte Sattlers Sohn Carl 1855 eine Gegendarstellung, wonach die Arsenverbindung in der Tapete weder ausdunsten noch im Zimmer umherschweben könne. Doch das Gift in der Tapete regte die Phantasie an. Unwahrscheinlichste Mutmaßungen kamen auf: So soll Napoleon mittels einer grünen Velourstapete in seinem Schlafzimmer auf St. Helena vergiftet worden sein. Goethe soll gar mit einer „giftgrünen“ Tapete beim Tode Schillers nachgeholfen haben. Doch all dies gehört ins Reich der Verschwörungstheorien. Schiller ging Goethe bereits 1796 um eine schöne, grüne Tapete an („Ich wünsche 63 Ellen Tapete von schöner grüner Farbe...welche ich ganz Ihrem Geschmack und Ihrer Farbentheorie überlasse.“) Seine Weimarer Wohnung war lange vor der Entwicklung des Schweinfurter Grüns fertig tapeziert. Und das angeblich in Napoleons Haarspitzen nachgewiesene Arsen dürfte bestenfalls Übelkeit verursacht haben, aber keine tödliche Vergiftung. Der einzige bewiesene Fall einer tödlichen Vergiftung durch Schweinfurter Grün ist der eines Malers: Der arme Mann pflegte seine farbgetränkten Pinsel im Mund zu halten...
Dennoch: Die Farbe war keineswegs harmlos, vor ihrer Schädlichkeit wurde seit den 1830er Jahren immer wieder gewarnt. 1879 wurde die Verarbeitung des – im wahrsten Sinne – „Gift“grüns bei Tapeten und anderen Gegenständen gesetzlich untersagt. Es wurde durch das sogenannte Victoriagrün ersetzt. Die Arsenverbindung wurde noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts als Pestizid und als Algenschutz an Schiffsrümpfen verwendet.
Mit giftigen Farben oder Schadstoffen in Tapeten haben wir heute keine Probleme mehr. Deutsche Tapeten mit dem RAL-Gütezeichen genügen strengen Umweltvorschriften und werden laufend kontrolliert. Sie erfüllen höchste Anforderungen an Umweltschutz und Gesundheit. Auch, wenn sie schön grün sind.
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